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15 Dez 2014 in Galerie

Autor : Anja C Lloyd

Fahrrad der Marke Lloyd // Kelleraufgang // Handy

Eine Replik auf den Beitrag „Hunderttausend Schritte“ von Herrn Reichle in der Süddeutschen Zeitung vom 09./10. Februar 2013  

(…) Um vorweg zu greifen: Ein Leben MIT Auto ist zwar möglich. Aber sehr mühsam. Ich habe noch nie ein Auto besessen und allein der Gedanke, vier Wochen (Anm. der Autorin: Herr Reichle hatte vier Wochen auf sein Auto verzichtet.) meiner Freiheit gegen die Benutzung eines solchen Gefährts einzutauschen, treibt mir die Schweißperlen auf die Stirn. Ein Großteil meiner Nachbarn scheint das ähnlich zu sehen, denn offensichtlich lässt man, vorausgesetzt man hat tatsächlich einen Parkplatz ergattert, sein Auto gerne auch mal länger stehen. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Nach Ihrem (Anm. der Autorin: Herr Reichle) heroischen Selbstversuch habe ich überlegt, bei welchen Gelegenheiten ich denn so täglich das Auto bewegen könnte. Zum Biomarkt (70 Meter)? Zum Kino (350 Meter)? Zur Lieblingskneipe (700 Meter)? Nur um dann Pfefferminztee zu trinken? (…)

Ein Leben ohne Auto entwickelt sich natürlich etwas anders bzw. es muss anders geplant werden. Wobei ich mich noch nicht einmal aus ideologischen Gründen für dieses Lebenskonzept entschieden habe. Ich brauchte bisher einfach keinen motorisierten Untersatz. Selbst Freunde habe ich ohne Auto gefunden und ich treffe sie sogar. Für die sechzehn Umzüge und die Möbelkaufhausbesuche habe ich mir kurzerhand ein größeres Exemplar geliehen. Mir wurde bisher von allen Autobesitzern versichert, dass ich mit meinem autolosen Dasein eine Menge Geld sparen würde. Selbst wenn man bedenkt, dass ich in der Regel eine um einiges höhere Miete in Kauf nehme. Die Wohnungswahl ist nämlich entscheidend: Komme ich relativ problemlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln an die Punkte, die mir für mein Leben wichtig sind? Das ist nicht immer einfach und erfordert bei der Wohnungssuche Geduld. Und das geht auch nicht in jeder Stadt. Und schon gar nicht in ländlichen Gegenden, in denen der Bus in die Stadt und zurück eher sporadisch verkehrt.

Einkaufsexzesse sind selbstverständlich auch nur begrenzt möglich. So bewahre ich mich allerdings vor überflüssigen Hamsterkäufen und behalte eine gewisse Spontaneität bei der täglichen Nahrungszubereitung. Das Argument, das mir gegenüber bisher fast von jedem sich in die Ecke gedrängt gefühlten Autobesitzer angebracht wurde, ist das mit der ominösen Kiste Mineralwasser, die auf dem Fahrrad nicht transportiert werden könne. Bei mir jedenfalls kommt sehr klares Wasser aus dem Wasserhahn. Mineralwasser ist hier in unseren Breiten ein recht überflüssiges Getränk. Ich habe ja eher den Verdacht, dass es um ein ganz bestimmtes Gersten- und Hopfengetränk geht. Das kommt selbst bei mir nicht aus dem Hahn. Allerdings schaffe ich es noch, meinen Monatskonsum ohne Auto ins heimische Nest zu transportieren. Ansonsten s.o. Stichwort „Lieblingskneipe“.

Um auf den nicht vorhandenen ideologischen Hintergrund meines autolosen Daseins zurückzukommen: Die meist gestellt Frage meiner Mitmenschen lautet: „Haben Sie keinen Führerschein?“. Doch, habe ich. Und ich fahre sogar gerne Auto (vor allem sehr schnell). Wenn die Straßen frei sind, ich keinen Termindruck habe und es keine Parkplatzprobleme gibt. Alles andere ist für mich Stress und Vergeudung kostbarer Lebenszeit. Im Zusammenhang mit dem Hinweis, dass ich auch keinen Fernseher habe (was wiederum ein Thema für sich ist) rege ich hiermit zu einem weiteren Selbstversuch an (Anm. der Autorin: Herrn Reichle, aber wer sich angesprochen fühlt…). ACL