Traum A

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28 Nov 2013 in Galerie

Autor : Anja C Lloyd

Unfall Skateboard // Blick in den Himmel

HEAVY METAL

Es ist kein Klischee, dass man das Geräusch brechender Knochen nicht vergessen könne. Es ist so. Danach wurde mir ziemlich schlecht und dann fiel ich fast in Ohnmacht. Und dann lag ich dort im Park, der plötzlich wie ausgestorben war. Und was ich wirklich nicht vergessen werde, war dieser Gedanke, ich sei ganz allein. Der Blick in die toten Fenster, auf die leere Straße. Ich dachte auch, dass ich dort liegen bleiben müsse und mich nie jemand finden würde. Für rationale Gedanken ist gerade kein Raum.

Hinausgekrochen bin ich; bis ich gefunden wurde. Ein Taxi. Der Taxifahrer hatte Blumen auf dem Armaturenbrett. Das sei bei ihm jeden Tag so. Schön. Ablenkung.

Notaufnahme. Alle fassen meinen Fuß an, Schmerzen, Schmerzen, meine schönen Wollsocken werden aufgeschnitten. Ja, gebrochen, kein OP-Termin, eingipsen, morgen Früh wiederkommen, Montag operieren.

Sehr lustig, vier Stunden später sitze ich in meiner WG im 4.Stock Altbau, ich weiß nicht mehr, wie lange ich gebraucht habe, die Treppen hochzukommen. Der Taxifahrer hat meine Tasche hochgetragen. An Schlaf ist kaum zu denken. Schmerzen

Voruntersuchung, mir wird ein Rollstuhl angeboten.

Krankenhaus: endlose Flure, ein Armbändchen wie in All-inklusive-Hotels, gibt es die Cocktails am Abend gratis?, die Beruhigungsmittel wirken, Aufwachen auf dem Gang, das da im Verband gehört nicht zu mir, wie eine unaufgeschnittene Currywurst kurz vor dem Platzen.

Bettnachbarin: Gespräche über das Leben, über Spiritualität, über die Unfälle. Endlose Langeweile, ich bin zum ersten Mal im Krankenhaus. Ich wusste nicht, was man alles besser mitbringen sollte, davon stand nichts in den Informationsblättern: z.B. ein scharfes Messer für das Obst. Nur eine kleine Tasche konnte ich tragen, mit dem gebrochenen Knochen ging nicht mehr. Und so passte auch nur noch das Büchlein „Die sonderbare Welt der Quanten“ in mein Reisegepäck. Faszinierend, aber nicht unbedingt empfehlenswert, wenn man mit Schmerzmitteln vollgepumpt im Krankenhaus liegt.

Und am besten jemanden organisieren, der regelmäßig Essen vorbeibringt. Das liebevoll pürierte Walhirn morgens hätte mich nicht lange am Leben gehalten und bei Laune schon gar nicht.  Wobei die Bestellung durchaus aus strategischen Gründen von mir beschlossen wurde. Denn so kam ich immerhin an Obst. Das traurige Graubrot morgens hätte mich überfordert. Längerfristig wäre ich allerdings vermutlich verhungert.

Nachts: weinen, nicht schlafen, Händchen halten, Nackenmassage mit Pfefferminzöl – was für eine freundliche Nachtschwester. Ich muss gerade erst eingeschlafen sein: Arztvisite, 6 Uhr. Um diese Zeit fühle ich mich auch immer besonders eloquent und umgänglich. Wenn ich so aussehe, wie ich mich fühle, dann sollten die Ärzte Sonnenbrillen gegen das Elend tragen.  Die Sonne geht auf, so begrüßt mich mein Metzger. Porös und verstrahlt, ja danke.

Krankenhausbettenschieber, Skelettdiagnostik, ich wollte singen „froh zu sein bedarf es wenig“

Stützstrümpfe, fleischfarben

Im Krankenhaus: gehetzte Blicke, Angst, Tränen in den Augen der Mitarbeiter/-innen, wenn man sie mal fragt, wie das sei. Sonia Mikich. Ich weiß, was im Gesundheitswesen los ist. Aber es dann wirklich zu sehen diese Arbeitsbelastung, das ist etwas ganz anderes. Das geht unter die Haut. Kaum auszuhalten. Die Reinigungskraft, die in wenigen Minuten das ganze Zimmer geputzt haben muss. Das ist Höchstleistungssport. Immer schrillen mehrere Klingeln und immer kann es etwas Lebenswichtiges sein. Immer weniger Personal, immer mehr Patienten. Wirtschaftsseminar: Kotzen-Nutzen-Faktor. So sieht das also aus.

Die Lüftung kann ganz kalt oder ganz warm. Der Ausblick ist schön. Ich wusste nicht, dass man zumindest bis ins Erdgeschoss kommen muss, um Kopfhörer für den Fernseher zu kaufen. Wobei ich nach fast sieben Jahren Fernsehabstinenz lieber gar nicht mehr damit anfange.

Ich kann mir helfen. Am nächsten Tag stehe ich schon am Rollator. Gut, für die vier Meter Richtung Tür und zurück benötige ich fast eine Stunde. Motivation? Ja. Ja. Ja. Immerhin, falls ich stürzen sollte, würden mich zwei junge, attraktive Physiotherapeuten auffangen. Was will ich mehr? Weitere 24 Stunden an den Krücken (politisch korrekt: Unterarmgehstützen) und dann die Königsdisziplin: Treppensteigen. Ich will hier raus!

Überall weinende Menschen, ich verstehe jetzt diese Unsicherheit. Verletzung der körperlichen Integrität. Aufgeschnitten zu werden, ein Teil des eigenen Körpers zerbricht. Das erschüttert nachhaltig. Ich sage mir, dass es weitaus größere und schlimmere Unfälle gibt, aber die Seele ist für rationale Überlegungen noch immer nicht zugänglich. Dass es anderen noch viel schlechter geht, ist meiner Seele egal.

Renitente Rentnerinnen an der Kasse

Soll ich Ihnen helfen mit der Geldbörse, Busfahrer alle nett, verbitterte mittelalte Frauen nicht, am freundlichsten: Jugendliche.

Neue Dimension von Entschleunigung, Ampeln rot, alles ist anstrengend: Frühstück, schlafen, Haare waschen usw. Zeit wird eine spannende Überlebensgröße: Freunde in – sagen wir mal – prekären Lebensverhältnissen haben Zeit, kaufen ein und kochen sogar; die mit den Karrieren, den Kindern, den Fortbildungen nicht. Ich nehme es ihnen nicht übel.

Meine Phasiotherapeutin greift nach meinem Fuß und alles in mir schnellt auf Alarm. Anfassen = Schmerzen. Dieses geschwollene rot-gelbe Ding (die Verfärbungen der antiseptischen Flüssigkeit muss quasi rauswachsen) gehört nicht zu mir. Ich soll meinen Fuß anfassen, dem Gehirn beibringen, dass das da zu mir gehört. Ew wird viele Tage dauern bis es geht. Die Haut ist gespannt, zwickt.

Ungeahntes Hindernis: die Haustür. Ich kann mich kaum auf dem schmalen Treppenabsatz halten, die Tür ist sehr schwergängig, wenn die Krücken nach hinten fallen, alles noch einmal von vorn. Meine kraft reicht manchmal nicht. Wie Blei hängt der Fuß an mir, das Gelenk will sich nicht bewegen. Heavy Metal. Cyborg. Ich weiß, es sind die verkürzten Muskeln, die gerissenen Knochenbänder, die durchtrennten Nerven, das Unfalltraum A. Das Gehirn sträubt sich, will den Fuß schützen.

Kann ich mein Altmetall später zu Schmuck verarbeiten lassen? Es fühlt sich merkwürdig an, eine Kante an der unteren Wade.

Beim Physiotherapeuten sitzen drei Menschen, die mir nicht die Tür aufmachen. Sie starren auf ihre Handys. Noch schlimmer sind Menschen auf Gehwegen, die auf Handys starren und mit Kinderwagen sind sie dann ein erst zu nehmendes Sicherheitsproblem für mich. Leider kann ich noch nicht einmal langsam ausweichen. Ich bilde jetzt eine Allianz mit Menschen am Rollator. Ich beneide sie allerdings darum, dass sie sich setzen können. Sie beneiden mich, dass meine Krücken nur vorübergehender Natur sind. Im Einkaufszentrum bekomme ich fast Panik sechs Wochen nach der OP. Keiner hält mir auch hier die Tür auf und im Drogeriemarkt ist es so glatt, dass mir sofort wieder der Schweiß ausbricht und ich vergesse, was ich so Dringendes eigentlich hier wollte. Im Zeitungsladen wird die Kundin nach mir bedient, weil ich ja erst umständlich die Krücken beiseitestellen muss, um die Geldbörse herauszuholen. Das dauert wohl zu lange. Die zweite Kundin nach mir wird auch noch bedient. Ich muss warten. Ein Fehler in der Beschleunigungsgesellschaft.

Freunde simsen, ob ich mit auf den Weihnachtsmarkt käme, Glühwein trinken. Ich antworte, ich könne ja noch nicht einmal einkaufen gehen. Man könne den Glühwein auch gerne vorbeibringen. Essen wäre mir lieber.

Unterarmgehstützen aufrüsen: Klingeln, Lampen, meine Mitbewohnerin schlägt vor: Granatwerfer. Ich recherchiere das. Es findet sich ein Text, in dem beide Begriffe zusammen vorkommen. Obskur. Lerne, dass es bei einem dieser gigantischen Konsumartikelinternetwarenhäuser zwar Unteramtgehstützen, aber keine Granatwerfer zu kaufen gibt. Gehhilfen mit Totenschädel namens „gothik“.

Zum Kochen schiebe ich einen Sessel an den Herd. Meine Krücken stehen ständig im Weg herum. Und fallen um. Sie machen mich wahnsinnig.

5 Treppenabsätze herunter, 30 Meter bis zur Kreuzung, einmal rüber, schweißgebadet. Brötchen und Zeitung holen. Nach einer Stunde falle ich ins Bett und muss schlafen. Jeder Griff der Physiotherapeutin birgt die Erwartung auf Schmerzen, der ganze Körper ist auf Abwehr gepolt. Wie geht es Menschen mit schwereren Verletzungen?

Schuhe, mein Fuß passt wieder in Schuhe. Unfallschuhe, Sommerturnschuhe. ich freue mich jetzt schon auf den ersten Frost.

Neuer Blick auf die alten Menschen, die kaum noch vor die Tür gehen, nirgendwo mehr mit hin kommen. Panik in öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn jetzt jemand vor deinen Fuß tritt?

Mein Skateboard steht mit den Gipsflecken in meinem Zimmer und mahnt mich. Für mich, der das Stillsitzen so schwer fällt, war das die Hölle. Persönlichkeitsbildende Maßnahme.

1. Tag ohne Krücken. Alte Frau rempelt mich mit dem Einkaufswagen an. Ich solle schneller machen.

ACL